HandelsZeitung vom 01.02.2005
Gret Heer,
Schlittenmarkt: Krummholz kriegt die Kurve
Ein Retro-Trend wird zum Kult. Es gibt immer mehr Schlittelbahnen. Trotzdem
produzieren nur noch zwei grössere Anbieter «Davoser» in der Schweiz.
Der Berg ruft. Und Jung und Alt mit dicken und dünnen Portemonnaies zieht es zu
Tausenden auf die Schlittelbahnen. Die Wintersportgebiete überbieten sich
gegenseitig mit Spezialangeboten für Schlittler. Davos/Klosters protzt mit 24 km
Schlittelbahnen, davon 6 km nachts beleuchtet. Grindelwald hat die längste: 15
km führt die Schlittelbahn vom Faulhorn über die Bussalp nach Grindelwald.
Selbst die kleine Nidwaldner Skistation Klewenalp lockt vor allem Junge zum
nächtlichen Schlittelplausch, hochprozentiger «Scheymli Pfleymli» inbegriffen.
Schlitteln ist in: Auf der Hitparade von Mach Consumer liegt der Retro-Sport auf
Platz sieben, weit vor Snowboarden (Rang 19), aber auch vor dem beliebten
Fussball (siehe Tabelle). Vor 15 Jahren führte Schweiz Tourismus 30 Bahnen auf
ihrer Angebotsliste. Heute bieten sie auf ihren Internetseiten über 150
verschiedene Schlittelanlagen an. Als Mutter aller Schlittelbahnen gilt jene im
Schlittelmekka Bergün, wo speziell konstruierte Pistenfahrzeuge dafür sorgen,
dass Schlittelfreudige problemlos auf ihren «Bergüner», «Grindelwalder» oder dem
bekanntesten und weit verbreitesten Klassiker, dem «Davoser», den Berg
hinunterbrausen können.
*Der «Davoser» ist mehrheitlich ein Ausländer*

«Der Davoser ist ein echter Schweizer», wirbt Migros für seinen Schlitten. Das
mag im Fall des orangen Riesen zutreffen. Doch mehr als die Hälfte der «Davoser»
wird nicht mehr in der Schweiz, sondern im Ausland - Slowakei, Tschechien,
Bulgarien, Ukraine - hergestellt.
Schweizer Produzenten haben es schlicht verpasst, den bekannten Markennamen zu
schützen, obwohl der Davoser Wagner Emanuel Heinz-Friberg, der 1865 die ersten
Schlitten gebaut hat, als eigentlicher Vater des Davoser Schlittens gilt. Erste
Exemplare sind noch im Sportmuseum Davos zu bewundern.
In Davos werden heute keine «Davoser» mehr gebaut. Die grössten Schweizer
Schlittenbauer befinden sich in Romanshorn und im thurgauischen Sulgen.
Rund 18000 Davoser Schlitten werden jährlich in der Schweiz verkauft, schätzt
der Schlittenbauer Clemens Marquart aus Romanshorn. Insgesamt sind es gegen
30000 Holzschlitten, die jährlich in der Schweiz verkauft werden, wie der
Schlittenbauer Erwin Dreier in Sulgen glaubt.
Trotz der Beliebtheit des Schlittelns bleibt der Schlittenbau ein Nischenmarkt.
Holzschlitten haben die kommerziell unattraktive Eigenschaft, zwei bis drei
Generationen zu überleben. Mietschlitten dagegen halten vier bis sechs Jahre.
Exakte Zahlen zum Markt und Mietgeschäft wurden bisher nicht erhoben.
*Migros setzt auf Schweizer Holzschlitten*
Marquart produziert seit 18 Jahren Davoser Schlitten aus Schweizer Buchenholz
exklusiv für Migros. Er freut sich am neuen Retro-Trend: «Seit 1998 produzieren
wir jährlich 10 bis 15% mehr.» Migros verkaufte letzte Saison (2003/04) 4792
«Davoser» und setzte damit 474495 Fr. um. Inklusiv Plastikschlitten beträgt der
Umsatz der Schlitten bei Migros rund 2,5 Mio Fr.
Konkurrent Coop verkaufte letzte Saison 3000 Holzschlitten und 20000
Plastikschlitten. Damit erzielte Coop einen Umsatz von rund 800000 Fr. Der
zweit- grösste Detailhändler bezieht seine Oecoplan-Holzschlitten aus der
Slowakei. In den letzten Wochen habe das Geschäft enorm angezogen, heisst es bei
Coop. «Sobald Schnee bis in die Niederungen fällt, läuft der Schlittenverkauf
sehr gut», erklärt Coop-Sprecher Karl Weisskopf.
Über den vielen Schnee freut sich auch Erwin Dreier: «Wir kommen mit Produzieren
fast nicht nach», lacht er. 2002 hat er die Graf Holzwaren AG gekauft. Seither
habe er den Umsatz mit Schlitten auf eine halbe Mio Fr. verdoppelt. 3000
Schlitten aus Buchenholz produzieren er und seine vier Mitarbeiter jährlich.
Dreier liefert sie an den Fachhandel, ein Produkt stellt er auch für das
Warenhaus Manor her.
Zu Grafs Holzwaren-Sortiment gehören auch die rassigen Rodel-Schlitten. Der
Rodel ist ein Sportgerät, bei dem alle Einzelteile beweglich miteinander
verbunden und nicht wie beim Schlitten starr verleimt werden. Zudem sind die
Kufen nach innen geneigt. Die Rodel-Sitze sind nicht aus Holz, sondern aus Tuch
oder Plastik gefertigt. «Der Rodeln fährt doppelt so schnell wie der Schlitten,
ist aber dreimal sicherer», meint Dreier.
Im Vergleich zum Schlitten ist der Rodel stärker auf den Sportler als auf die
Familie ausgerichtet. «Die Nachfrage nach Rodel hat angezogen», sagt Dreier. Ein
Rodel kostet rund 500 Fr. und mehr - und ist damit einiges teurer als der
klassische «Davoser».
*Grosse Preis- und Qualitätsunterschiede*
Der «Davos»-Schlitten Swissmade Graf Sulgen kostet zum Beispiel im Och Sport an
der Zürcher Bahnhofstrasse zwischen 179 Fr. (80 cm), 229 Fr. (1 m) und 259 Fr.
(1,2 m). Zum Vergleich: Ein «Davoser» aus der Tschechischen Republik ist bei
Ochsner Sport für nur 74.90 Fr. zu haben. Der Unterschied der «Davoser»-Modelle
liegt aber nicht nur im Preis, sondern auch in der Qualität. Die Sitzlatten der
Schlitten etwa werden von den beiden grossen Schweizer Produzenten geschraubt
und nicht geheftet, die Metallbeschläge auf den Kufen sauberer verarbeitet als
beim tschechischen Produkt. «Die billige Massenware aus dem Ausland verteufelt
den Markt», klagt Marquart.
Trotzdem springen immer mehr kleine
Schweizer Produzenten, die viel Wert auf das Handwerk legen, in den
Nischenmarkt. So ist etwa der hochbeinige «Beggrieder» der Firma Ambauen AG zum
Renner in der Zentralschweiz geworden und hat bereits einen Preis als Sieger in
der Kategorie Gebrauchsgegenstände eingeheimst.
Die Aroser haben es dem in Sri Lanka geborenen Kavithas Jeyabalan zu verdanken,
dass der elegante «Aroser» wieder produziert wird: Er hat den Edelschlitten vor
dem Aussterben bewahrt, indem er ihn in Peist modifiziert als «Schanfigger»-Schlitten
wieder herstellt. Die Marke «Aroser» allerdings aufrechtzuerhalten, wäre ihm zu
teuer geworden.
Schlitten-Guru Clemens Marquart ist überzeugt: «Ein Aussterben des
Holzschlittens wird es nur geben, wenn kein Schnee mehr fällt.»