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Schlittenmarkt: Krummholz kriegt die Kurve

Ein Retro-Trend wird zum Kult. Es gibt immer mehr Schlittelbahnen. Trotzdem produzieren nur noch zwei grössere Anbieter «Davoser» in der Schweiz. Der Berg ruft. Und Jung und Alt mit dicken und dünnen Portemonnaies zieht es zu Tausenden auf die Schlittelbahnen. Die Wintersportgebiete überbieten sich gegenseitig mit Spezialangeboten für Schlittler. Davos/Klosters protzt mit 24 km Schlittelbahnen, davon 6 km nachts beleuchtet. Grindelwald hat die längste: 15 km führt die Schlittelbahn vom Faulhorn über die Bussalp nach Grindelwald. Selbst die kleine Nidwaldner Skistation Klewenalp lockt vor allem Junge zum nächtlichen Schlittelplausch, hochprozentiger «Scheymli Pfleymli» inbegriffen. Schlitteln ist in: Auf der Hitparade von Mach Consumer liegt der Retro-Sport auf Platz sieben, weit vor Snowboarden (Rang 19), aber auch vor dem beliebten Fussball (siehe Tabelle). Vor 15 Jahren führte Schweiz Tourismus 30 Bahnen auf ihrer Angebotsliste. Heute bieten sie auf ihren Internetseiten über 150 verschiedene Schlittelanlagen an. Als Mutter aller Schlittelbahnen gilt jene im Schlittelmekka Bergün, wo speziell konstruierte Pistenfahrzeuge dafür sorgen, dass Schlittelfreudige problemlos auf ihren «Bergüner», «Grindelwalder» oder dem bekanntesten und weit verbreitesten Klassiker, dem «Davoser», den Berg hinunterbrausen können.

Der «Davoser» ist mehrheitlich ein Ausländer

«Der Davoser ist ein echter Schweizer», wirbt Migros für seinen Schlitten. Das mag im Fall des orangen Riesen zutreffen. Doch mehr als die Hälfte der «Davoser» wird nicht mehr in der Schweiz, sondern im Ausland – Slowakei, Tschechien, Bulgarien, Ukraine – hergestellt. Schweizer Produzenten haben es schlicht verpasst, den bekannten Markennamen zu schützen, obwohl der Davoser Wagner Emanuel Heinz-Friberg, der 1865 die ersten Schlitten gebaut hat, als eigentlicher Vater des Davoser Schlittens gilt. Erste Exemplare sind noch im Sportmuseum Davos zu bewundern. In Davos werden heute keine «Davoser» mehr gebaut. Die grössten Schweizer Schlittenbauer befinden sich in Romanshorn und im thurgauischen Sulgen. Rund 18000 Davoser Schlitten werden jährlich in der Schweiz verkauft, schätzt der Schlittenbauer Clemens Marquart aus Romanshorn. Insgesamt sind es gegen 30000 Holzschlitten, die jährlich in der Schweiz verkauft werden, wie der Schlittenbauer Erwin Dreier in Sulgen glaubt. Trotz der Beliebtheit des Schlittelns bleibt der Schlittenbau ein Nischenmarkt. Holzschlitten haben die kommerziell unattraktive Eigenschaft, zwei bis drei Generationen zu überleben. Mietschlitten dagegen halten vier bis sechs Jahre.

Exakte Zahlen zum Markt und Mietgeschäft wurden bisher nicht erhoben.

Migros setzt auf Schweizer Holzschlitten

Marquart produziert seit 18 Jahren Davoser Schlitten aus Schweizer Buchenholz exklusiv für Migros. Er freut sich am neuen Retro-Trend: «Seit 1998 produzieren wir jährlich 10 bis 15% mehr.» Migros verkaufte letzte Saison (2003/04) 4792 «Davoser» und setzte damit 474495 Fr. um. Inklusiv Plastikschlitten beträgt der Umsatz der Schlitten bei Migros rund 2,5 Mio Fr.

Konkurrent Coop verkaufte letzte Saison 3000 Holzschlitten und 20000 Plastikschlitten. Damit erzielte Coop einen Umsatz von rund 800000 Fr. Der zweitgrösste Detailhändler bezieht seine Oecoplan-Holzschlitten aus der Slowakei. In den letzten Wochen habe das Geschäft enorm angezogen, heisst es bei Coop. «Sobald Schnee bis in die Niederungen fällt, läuft der Schlittenverkauf sehr gut», erklärt Coop-Sprecher Karl Weisskopf.

Über den vielen Schnee freut sich auch Erwin Dreier: «Wir kommen mit Produzieren fast nicht nach», lacht er. 2002 hat er die Graf Holzwaren AG gekauft. Seither habe er den Umsatz mit Schlitten auf eine halbe Mio Fr. verdoppelt. 3000 Schlitten aus Buchenholz produzieren er und seine vier Mitarbeiter jährlich. Dreier liefert sie an den Fachhandel, ein Produkt stellt er auch für das Warenhaus Manor her.

Zu Grafs Holzwaren-Sortiment gehören auch die rassigen Rodel-Schlitten. Der Rodel ist ein Sportgerät, bei dem alle Einzelteile beweglich miteinander verbunden und nicht wie beim Schlitten starr verleimt werden. Zudem sind die Kufen nach innen geneigt. Die Rodel-Sitze sind nicht aus Holz, sondern aus Tuch oder Plastik gefertigt. «Der Rodeln fährt doppelt so schnell wie der Schlitten, ist aber dreimal sicherer», meint Dreier.

Im Vergleich zum Schlitten ist der Rodel stärker auf den Sportler als auf die Familie ausgerichtet. «Die Nachfrage nach Rodel hat angezogen», sagt Dreier. Ein Rodel kostet rund 500 Fr. und mehr – und ist damit einiges teurer als der klassische «Davoser».

Grosse Preis- und Qualitätsunterschiede

Der «Davos»-Schlitten Swissmade Graf Sulgen kostet zum Beispiel im Och Sport an der Zürcher Bahnhofstrasse zwischen 179 Fr. (80 cm), 229 Fr. (1 m) und 259 Fr. (1,2 m). Zum Vergleich: Ein «Davoser» aus der Tschechischen Republik ist bei Ochsner Sport für nur 74.90 Fr. zu haben. Der Unterschied der «Davoser»-Modelle liegt aber nicht nur im Preis, sondern auch in der Qualität. Die Sitzlatten der Schlitten etwa werden von den beiden grossen Schweizer Produzenten geschraubt und nicht geheftet, die Metallbeschläge auf den Kufen sauberer verarbeitet als beim tschechischen Produkt. «Die billige Massenware aus dem Ausland verteufelt den Markt», klagt Marquart. Trotzdem springen immer mehr kleine Schweizer Produzenten, die viel Wert auf das Handwerk legen, in den Nischenmarkt. So ist etwa der hochbeinige «Beggrieder» der Firma Ambauen AG zum Renner in der Zentralschweiz geworden und hat bereits einen Preis als Sieger in der Kategorie Gebrauchsgegenstände eingeheimst.

Die Aroser haben es dem in Sri Lanka geborenen Kavithas Jeyabalan zu verdanken, dass der elegante «Aroser» wieder produziert wird: Er hat den Edelschlitten vor dem Aussterben bewahrt, indem er ihn in Peist modifiziert als «Schanfigger»-Schlitten wieder herstellt. Die Marke «Aroser» allerdings aufrechtzuerhalten, wäre ihm zuteuer geworden.

Schlitten-Guru Clemens Marquart ist überzeugt: «Ein Aussterben des Holzschlittens wird es nur geben, wenn kein Schnee mehr fällt.»